Mittwoch, 6. Mai 2009

Stottern und Beruf - Der ÖBS

ÖBS - das Kürzel für "Öffentlicher Beschäftigtensektor". Synonym: "Dritter Arbeitsmarkt". Mehr Informationen dazu in der FAZ, im Handelsblatt und auf Labournet.

Dieser Sektor wird in Deutschland seit 2007 auf kommunaler Ebene geschaffen für Erwerbsfähige, die als chancenlos eingestuft werden, jemals ein so genanntes "Normalarbeitsverhältnis" zu erlangen. Deutlich vorangebracht von der Großen Koalition, also CDU und SPD, schreiben sich die erfolgreiche Einführung des "Dritten Arbeitsmarktes" inzwischen auch die selbsterklärt linken Parteien "Grüne" und "Die Linke" auf die Fahne.

Der vollständige Text der Richtlinien zur Umsetzung des ÖBS auf der Site der Arbeitsagentur.

Mir war diese deutsche Version des "Workfare"-Konzepts bis gestern vollkommen unbekannt und die Leserin mag sich fragen, was das mit Stottern zu tun haben soll.

Wer aufgrund seines Stotterns einen Behindertenausweis zugestanden bekommt, hat damit auf der Liste der erforderlichen so genannten "multiplen Vermittlungshemmnisse" schon einen Haken. Um eine ÖBS-Stelle zugeteilt zu bekommen, braucht es allerdings ein weiteres "Vermittlungshemmnis". Zu den Details der Praxis in Berlin aus Sicht der Verantwortlichen siehe die Senats-Site zum Thema. Die Realität vor Ort ist allerdings etwas anders, wie Medienberichte seit 2007 zeigen.

Die Tatsache, dass sich Bund und Kommunen von der Idee der Integration in den "Ersten Arbeitsmarkt" verabschieden und nun mit finanzieller Unterstützung der EU zu einer Verfestigung einer "chancenlosen" Unterklasse übergehen und damit auch den Niedriglohnsektor ausweiten, ist an sich schon erschreckend. Zudem ist der Zusammenhang mit dem Abbau von Stellen im öffentlichen Dienst und den Einsatzbereichen der ÖBS-Stelleninhaber gerade in Berlin augenfällig.

Ambivalent sehe ich es, dass Stotternde ebenfalls in den Genuss dieser Maßnahme kommen. Ist der ÖBS in den Augen seiner Nutznießer nichts anderes als eine neue ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) oder eine neue MAE (Mehraufwandsentschädigung, im Volksmund "Ein-Euro-Job")?

Nur, wie wirkt sich das langfristig aus? Verwirrend ist das Ganze in Bezug aufs Stottern auch deswegen, weil es ja nicht wenige Stotternde gibt, die auf dem "Ersten Arbeitsmarkt" bestehen.

Kommentare:

  1. Gute Idee, das Thema "Arbeit und Stottern" miteinander zu verbinden ...

    Als selbst stotternder Mensch kann ich nur sagen, dass die Arbeitsmarktregelungen keinerlei Unterschiede zwischen irgendwelchen Behinderungen machen ... somit kann man nur lernen, daran zu wachsen, was ja auch gut für's eigene Befinden und somit für's Stottern ist.

    Ich selbst habe keinen Behindertenausweis, brauche den auch nicht ... zumal ich nicht an die Unterteilung 1., 2., 3. oder 10. Arbeitsmarkt glaube. Habe es selbst erlebt, dass Ein-Euro-Jobber stellenweise die Aufgaben von Personen aus dem 1. Arbeitsmarkt übernehmen ... das entwickelt sich dann einfach so, trotz Hinweis und Absprachen.
    Insofern kann man das nur mitmachen oder eben sich eine andere Möglichkeit suchen ...

    So einfach und so schwer ... Alles Gute, Michael Winkler.

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  2. Vorsicht, deinem Text liegen verschiedene Missverständnisse zugrunde.

    ÖBS sind aus dem Grund etwas anderes als ABM, RBM oder MAE, da sie sich (zumindest in Berlin) Gehalts-mäßig am öffentlichen Dienst orientieren.
    Somit haben diese Stellen auch nichts mit "Niedriglohnsektor" zu tun.

    Ich würde das pragmatisch sehen - es gibt definitiv zu wenig Arbeitsstellen für Menschen im erwerbsfähigen Alter.

    Nutznießer dieser Stellen, die durch sie eine bestimmte Zeit lang finanziell halbwegs gut da stehen, muss man nicht dauerhaft als "chancenlose Unterklasse" abstempeln.

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  3. @ Anonym

    In Berlin liegen die Gehälter im ÖBS, siehe die Diskussion auf Labournet, bei durchschnittlich 1386 Euro brutto. Sind die Gehälter im Berliner öffentlichen Dienst für eine Vollzeitstelle auch schon so niedrig? Wenn ja, schlimm genug.

    Ein gravierender Unterschied von ÖBS und einer Stelle im öffentlichen Dienst ist, dass eine ÖBS-Stelle dem Sozial- und nicht dem Arbeitsrecht unterliegt. So sind z.B. Arbeitgeber und Arbeitnehmer in den 24 Monaten der Förderung an keine Kündigungsfrist gebunden, der Arbeitnehmer hat allerdings mit Sanktionen seitens der Einrichtung zu rechnen, von der er die Sozialleistung bezieht.

    Weitere Einzelheiten finden sich in den Links in meinem Post, auch dazu, dass der Begriff der "chancenlosen Unterklasse" keine Reaktion auf dieses Programm ist, sondern als Konzept dem ÖBS zugrunde liegt.

    Dass es zu wenige Arbeitsstellen für zu viele arbeitslose Erwerbsfähige gibt, ist unbestritten. Die Wahrscheinlichkeit, von Arbeitslosigkeit betroffen zu werden, ist aber stark branchenabhängig und abhängig von der Qualifikation und den Ressourcen des Einzelnen. Andererseits ist die aktuelle Handhabung des Begriffs "Erwerbsfähigkeit" nicht ganz zutreffend. Wer drei Stunden am Tag arbeiten kann, ist nicht automatisch fähig, einen üblichen Arbeitsplatz von 40 Stunden wöchentlich zu haben.

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  4. @ Micha

    Aufschlussreich zum Thema "Ein-Euro-Jobs statt regulärer Beschäftigungsverhältnisse":

    http://www.forced-labour.de/archives/189

    Schade, in der Kommentarfunktion gibt es leider keine Link-Funktion... also good old copy paste...

    Zum Thema Stottern und Behindertenausweis:

    Das muss jeder Betroffene selbst entscheiden, zumal wenn es um eine schwere Symptomatik geht, oder? Schwierig beim Stottern finde ich, dass sich der Grad der Behinderung verändern lässt, durch Selbsthilfe, durch Therapie, aber entsteht aus dieser Erkenntnis eine Pflicht, dies auch zu tun?

    Dass ich beide Themen - Stottern als anerkannte Behinderung und die Einrichtung eines "Dritten Arbeitsmarkts" verknüpft habe, hat mit einem diffusen Unbehagen zu tun: Sehr zu befürworten finde ich die Politik, Behinderte über eine Art positive Diskriminierung (Bevorzugung von Behinderten bei gleicher Eignung) zu integrieren - aber bitteschön doch in DEN Arbeitsmarkt und nicht in einen Bereich, der nun für "Erwerbsfähige ohne Perspektiven" neu geschaffen wird.

    Bevorzugung bei gleicher Eignung ist ja auch sehr schön: Wie kann man sich eigentlich die gleiche Eignung erarbeiten, wenn man ungleich benachteiligter ist?

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  5. hallo,

    stottern spielt meiner erfahrung nach nur eine sehr geringe rolle bei der jobsuche. entscheidend ist wie der betroffene damit umgeht und das er oder sie rüberbringen das stottern sie nicht behindert.
    die betriebswirtschaftliche verwertbarkeit des wissens, die persönlichkeit, die fertigkeiten und die ausbildung sind entscheidend.

    viele stotterer stehen sich selbst im wege wenn sie dem stottern als entscheidendes hindernis sehen ihren wunschberuf auszuüben.

    gruß erwin geier

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  6. Noch einige Ergänzungen zu "ÖBS":

    der genannte Wert ist ein Durchschnittswert. Ich kenne Leute, die etwas über 2100.- brutto erhalten. Das hängt ganz stark von der Qualifikation ab. Der Lohn orientiert sich am öffentlichen Dienst, ist aber um einige % geringer.

    Nachteil einer ÖBS-Stelle ist, dass man nicht in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt. Das heißt, nach Ablauf des Zeitraums fällt man sofort in Hartz 4, falls man in der Zwischenzeit nichts anderes gefunden oder sich nicht was aufgebaut hat.

    Schon wieder bin ich geneigt "Vorsicht, Vorsicht!" zu sagen: Ist es denn ein Automatismus, dass man durch Selbsthilfe und Therapie flüssiger wird?!

    Da kommen Theorie und Realität mal wieder ganz ganz schwer zusammen...

    Und von einer "Pflicht", Selbsthilfe und Therapie zua bsolvieren, würde ich ganz bestimmt nicht sprechen. Soviel Privatsphäre sollte einem dann doch noch übrig bleiben.

    Übrigens vergibt das Versorgungsamt die 30% Grad der Behinderung unabhängig von der Schwere der Systematik.

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  7. @ Erwin

    Die Frage ist nur, was den Unterschied macht? Viele lernen einen guten Umgang mit ihrem Stottern ja erst, wenn sie ihre Ausbildung schon durchlaufen haben oder auch schon im Beruf stehen. Aber den Einstieg und die Ausbildung muss man auch erstmal schaffen.

    Wer steht sich selber im Weg, wer nicht, wer findet die Kraft, sich über alle Hindernisse hinwegzusetzen? An dem Punkt könnte wieder meine These der sozialen Herkunft stehen, siehe Post "Beruflich erfolgreich mit Stottern?".

    Her mit den sozialwissenschaftlichen Studien, die dem auf dem Grund gehen...

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  8. karriere und stottern

    rede von malte spitz: http://www.youtube.com/watch?v=3-biq8TrNa4

    beispiel aus der politik

    die gruenen sind wieder mal 2 schritte weiter als andere. die können sich einen kompetenten, sehr fleisigen politiker der stottert, und das nicht wenig, im bundes-vorstand leisten.
    er heisst malte spitz und beweist vorbildlich, das mann oder frau trotz stottern gute reden halten kann, und authentisch was rüberbringen kann.
    das kann ich mir in der cdu oder fdp nicht vorstellen. oder?

    gruß erwin

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